Blasenschwäche nach der Geburt: Warum niemand darüber spricht
Kurz gesagt: Blasenschwäche nach der Geburt ist keine Ausnahme, sondern für viele Frauen Realität – etwa jede dritte Frau (rund 33 Prozent) verliert nach einer vaginalen Entbindung ungewollt Urin. Meist steckt eine Belastungsinkontinenz dahinter, ausgelöst durch Husten, Lachen, Heben oder Springen. Das Gute daran: Mit gezieltem Beckenbodentraining und der richtigen Ansprechpartnerin lässt sich bei den meisten Frauen viel erreichen. Der erste Schritt ist, das Thema überhaupt auszusprechen.
Die weibliche Harninkontinenz galt lange als reines Problem des Alters. Doch auch nach Schwangerschaft und Geburt leiden viele junge Frauen darunter – und sprechen selten mit ihrer Hebamme oder Ärztin darüber. Das liegt oft daran, dass es ein schambehaftetes Thema ist. Manche Frauen halten es sogar für „normal“, nach der Geburt ein paar Tropfen Urin zu verlieren.
Wie häufig ist Blasenschwäche nach der Geburt wirklich?
Nach einer vaginalen Entbindung leidet etwa ein Drittel der Frauen unter unkontrolliertem Harnverlust, wie der Medizinreport „Schwangerschaft und Entbindung: Harninkontinenz nach der Geburt“ im Deutschen Ärzteblatt (2020) zeigt. Rund die Hälfte dieser Fälle betrifft eine Belastungsinkontinenz, seltener liegt eine Dranginkontinenz oder eine Mischform vor. Du bist mit diesem Thema also alles andere als allein.
Was unterscheidet Belastungs- und Dranginkontinenz?
Bei einer Belastungsinkontinenz kommt es zu unfreiwilligem Harnverlust, sobald Druck auf den Bauchraum entsteht – beim Heben, Tragen, Treppensteigen, Lachen, Husten oder Niesen. Nach Stamey werden drei Schweregrade unterschieden:
- Inkontinenz beim Husten, Niesen, Lachen
- Inkontinenz bei abrupten Bewegungen, beim Aufstehen, Hinsetzen oder Heben schwerer Gegenstände
- Inkontinenz bereits bei unangestrengten Bewegungen, im Liegen oder im Schlaf
Bei einer Dranginkontinenz tritt plötzlich ein starker Harndrang auf, bei dem die Toilette oft nicht mehr rechtzeitig erreicht wird. Treten beide Formen gemeinsam auf, spricht man von einer Mischinkontinenz.
Welche Folgen hat unbehandelte Blasenschwäche im Alltag?
Schon eine leichte Inkontinenz kann die Lebensqualität spürbar einschränken. Sportliche Aktivitäten werden vermieden oder nur noch mit Einlage gemacht, die Toilette wird vorsichtshalber sehr häufig aufgesucht, um peinliche Situationen zu umgehen. Auch die Sexualität in einer Paarbeziehung kann darunter leiden, wenn Scham oder reduzierte Lust dazukommen – ebenso wie unbeschwerte Momente mit dem eigenen Kind, etwa Fangenspielen oder gemeinsames Trampolinhüpfen.
Was hilft gegen Blasenschwäche nach der Geburt?
Der wichtigste Schritt ist, anzuerkennen, dass „die paar Tröpfchen“ beim Husten mit voller Blase bereits eine leichte Belastungsinkontinenz sein können. Fachleute empfehlen bei Blasenschwäche nach der Geburt ein gezieltes, professionell angeleitetes Beckenbodentraining – die Beschwerden bilden sich bei den meisten Frauen innerhalb von sechs bis zwölf Monaten deutlich zurück oder verschwinden ganz. Sprich möglichst früh mit deiner Hebamme oder deiner Frauenärztin: Sie können dich bei Bedarf an ein spezialisiertes Beckenbodenzentrum oder eine Physiotherapeutin mit diesem Schwerpunkt verweisen.
Bei buggyFit ist Beckenbodenarbeit fest in jede Kursstunde eingebaut – draußen, in der Gruppe, mit deinem Baby dabei.
Wie lange dauert es, bis sich etwas verändert?
Erste Verbesserungen spüren viele Frauen bereits nach 4 bis 6 Wochen regelmäßigem, richtig ausgeführtem Beckenbodentraining. Deutliche Fortschritte brauchen meist mehrere Monate: Die Beschwerden bilden sich bei den meisten Frauen innerhalb von 6 bis 12 Monaten zurück oder verschwinden ganz. Wichtig ist dabei weniger die perfekte Übung als das regelmäßige Dranbleiben.
Bis die professionelle Betreuung steht, helfen ein paar einfache Gewohnheiten im Alltag: Beim Husten, Niesen oder Aufstehen aus der Hocke bewusst ausatmen und den Beckenboden mit hochziehen, statt nach unten zu pressen. Nicht „vorsorglich“ alle zwei Stunden zur Toilette gehen, auch wenn kein echter Drang da ist – das trainiert die Blase eher falsch. Und schweres Heben, wo möglich, auf mehrere kleinere Portionen verteilen.
Häufige Fragen
Ist Blasenschwäche nach der Geburt normal?
Sie ist häufig – aber das heißt nicht, dass du damit leben musst. Blasenschwäche nach der Geburt ist gut behandelbar, deshalb lohnt es sich, das Thema anzusprechen statt es auszusitzen.
Wie viele Frauen sind nach der Geburt betroffen?
Etwa ein Drittel der Frauen nach vaginaler Entbindung, wie Auswertungen im Deutschen Ärzteblatt zeigen. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil viele Frauen aus Scham nicht darüber sprechen.
Wann sollte ich mit meiner Hebamme oder Ärztin darüber sprechen?
Am besten so früh wie möglich – schon leichte, gelegentliche Tröpfchen beim Husten oder Niesen sind ein guter Anlass für das Gespräch, nicht erst starke Beschwerden.
Hilft Beckenbodentraining wirklich?
Ja, bei den meisten Frauen deutlich – vor allem, wenn es professionell angeleitet und regelmäßig durchgeführt wird. Wichtig ist, den Beckenboden gezielt anzusteuern, nicht einfach nur „fest zusammenzukneifen“.
Was ist der Unterschied zwischen Belastungs- und Dranginkontinenz?
Belastungsinkontinenz tritt bei Druck auf den Bauchraum auf, etwa beim Husten oder Heben. Dranginkontinenz zeigt sich als plötzlicher, starker Harndrang, bei dem die Toilette oft nicht rechtzeitig erreicht wird.
Verschwindet die Blasenschwäche von allein wieder?
Bei manchen Frauen bessert sie sich mit der Zeit, bei vielen aber nicht ohne gezieltes Training. Deshalb lieber früh abklären lassen, statt abzuwarten.
Erhöht ein späteres Kind das Risiko erneut?
Ja, mit jeder weiteren Geburt steigt das Risiko etwas. Das ist kein Grund zur Sorge, aber ein guter Grund, den Beckenboden auch nach überstandener Blasenschwäche weiter im Blick zu behalten und dranzubleiben.
Das könnte dich auch interessieren
- Beckenboden nach der Geburt: Was wirklich hilft – und was nicht
- Rückbildungskurs: Wann starten, wie lange – und was kommt danach?
- Sport nach Kaiserschnitt: Wann du wieder starten kannst – und wie
- Joggen nach der Geburt – so startest du sicher
Über die Autorin
Jana Wetterau-Kliebisch ist Physiotherapeutin und Gründerin von buggyFit. Sie hat buggyFit 2009 im Englischen Garten in München gestartet – mit drei Frauen. Heute gibt es buggyFit an über 700 Standorten in Deutschland und Österreich.
Finde einen buggyFit-Kurs in deiner Nähe und komm kostenlos zur Probestunde.